Wave-Gotik-Treffen 2016 – Vom Regen in die Traufe

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Also ich muss schon sagen, dieses Jahr machte das WGT wirklich seinem Namen alle Ehre.
Nicht nur, dass es am Freitag, den 13. Mai losging, hauptsächlich des Wetters wegen.
Wenige Tage zuvor musste die Gruftischar entsetzt feststellen, dass das diesjährige Wave-Gotik-Treffen von den „Unheiligen“ heimgesucht würde. Verzeihung, „Eisheilige“. Es war dementsprechend kühl, regnerisch und windig, gerade dies ist für den Oldschool-Grufti eher tödlich. Ein toupierter Kopf scheut all dies wie Dracula das Sonnenlicht.

Doch all diese Unannehmlichkeiten sind höchstens Probleme, aber keine Hindernisse.
Und so machte sich unser Trio auf gen Leipzig, die Gothmum und ihr Töchti von Köln und meine Wenigkeit von Karlsruhe aus.

Bereits die Hinfahrt war interessant: Man stelle sich vor, eine einzige kleine schwarze Gestalt, mit einem schweren Koffer und diversen Regenschirmen – sowohl mit als auch ohne Spitzenstoff und Rüschen geschmückt – schleppt sich keuchend zur näherkommenden Straßenbahn und wird unmittelbar im Eingangsbereich von einem Punk angesprochen. Wo es denn hinginge und so. Ein freundliches Gespräch entwickelt sich. „Ja, ich war auch früher immer zum WGT in Leipzig, bis 2001, als dieses Chaos-Festival war. Ich war früher auch mal so ein Kaputter wie du.“
Kurz bevor wir den Hauptbahnhof erreichen, öffnet er seinen wuchtigen Rucksack und olt eine Schallplatte heraus. Er drückt sie mir in die Hand und sagt knapp: „Die schenke ich dir, du bist nett.“ Schwuppdiwupp ist er weg.
Verblüfft stehe ich da, mit einem Album der Virgin Prunes in der Hand. Erstaunlich, in einer Stadt wie Karlsruhe, in der man Menschen mit gutem Musikgeschmack an einer Hand abzählen kann, schenkt mir jemand einfach so eine Platte, die sicher sehr rar ist, und und macht sich dann ohne ein weiteres Wort vom Acker.

Den ICE in Richtung Frankfurt erreiche ich überpünktlich. Gerade will ich mein Gerümpel auf meinem freien Nebensitz verstauen, erscheint vor mir eine unheimliche Fratze: „Hab‘ ich dich, Grufti!“ Einen Moment lang bleibt mein Herz stehen, dann wird mir klar, dass das Gesicht zu Stephan gehört. Er und Franzi haben offensichtlich den selben Zug gebucht wie ich. Wunderbar, dann habe ich immerhin Gesellschaft. Und Ruckzuck geht auch tatsächlich die Zeit herum.

Um 9.24 Uhr stehen wir im Leipziger Hauptbahnhof, auf die Minute genau.
Die beiden haben noch einige Stunden Zeit, bevor sie in ihrem Hotel einchecken können, das zentral zwischen Felsenkeller und Täuchental liegt, welche man bequem innerhalb weniger Minuten zu Fuß erreichen kann.
Mein Ziel liegt allerdings außerhalb der Stadt Leipzig, nämlich in Belgershain, wo wir bei Freunden der Gothmum über das WGT verweilen dürfen. Ein wunderschönes über 250 Jahre altes Pfarrhaus mit Kreuzgewölbe und steinernem Boden im Erdgeschoss. Man fühlt sich gleich um Jahrhunderte zurückversetzt. Mit diesem ganzen „Victorian Picknick“-Gedöns kann ich persönlich nicht viel anfangen, aber wenn es um Architektur und Kunst geht, schlägt mein Herz definitiv weit vor 1900-Nochwas.

In Belgershain erwarten mich schon meine Gruftine und ihre Gothmum an der Bahnhaltestelle. Die Gegend ist ruhig und ländlich, man hört kaum einen Laut als die Vögel und das Rascheln der Bäume im Wind. Bedrohliche Wolkentürme bäumen sich auf, der Himmel verfinstert sich, als wir wie drei Boten der Apokalypse zum alten Pfarrhaus marschieren, meine Gruftine in ihrem berüchtigten Stechschritt voraus und die Gothmum und ich keuchend hinterher trabend.
Viel Zeit haben wir nicht, erst heißt es, die Hausherren zu begrüßen, eine Tasse Kaffee herunterzuspülen, um schon bald wieder in die Stadt zu fahren, obwohl das WGT offiziell erst am folgenden Tag beginnen wird. Die Schlange für die Bändchenausgabe ist wieder einmal sehr, sehr lang. Allerdings kommen uns Ronny Rabe und Jens entgegengelaufen und so verkürzt sich die Warterei etwas. Man fühlt sich schon ein wenig wie eine Zoo-Attraktion, weil ständig irgendwelche Menschen mit Kameras um einen herumschleichen und fotografieren wollen, als sei man irgendeine exotische Tierart mit komischen Federn auf dem Kopf.
Wir hören einen interessanten Vortrag im ägyptologischen Institut und besuchen das anliegende Museum.
Eigentlich hatten wir ursprünlch vor, zur Eröffnungsfeier des WGT im Abenteuerpark „Belantis“ zu gehen, weil wir dort im Tal der Könige Achterbahn fahren und nach Dinosaurier-Skeletten graben könnten – nicht zu vergessen die schwarze Zuckerwatte, passend in den situativen Kontext – aber wir sind müde und fahren bereits zeitig nach Belgershain zurück, mit ein paar neuen Schuhen für die Gruftine und vielen Süßigkeiten für die Allgemeinheit.

Der Freitag beginnt früh. Während die meisten bspw. nach der Gothic Pogo Party wohl erst ins Bett fallen, stehen wir bereits gegen 9.00 Uhr auf der Matte.
Ein Photoshooting für das Pfingstgeflüster steht um 12.15 Uhr am Johannisfriedhof an.
Danach schauen wir uns die Ausstellung „Gesichter des Wave-Gotik-Treffens“ im angrenzenden Grassimuseum an. Die meisten abgebildeten Personen dort kenne ich sogar. Ich freue mich, Stephan und Franzi zu entdecken. Bilder der beiden hängen auch in den Bahnhofspromenaden und im Stadtgeschichtlichen Museum. Die Schwarzkittel sind allgegenwärtig. Geschäfte und Gaststätten sind schwarz. Das einzige, was oft gar nicht so sehr schwarz ist, sind einige der offensichtlich verkleideten WGT-Besucher. Mit der Szene an sich hat diese Veranstaltung nur noch wenig gemein. Aber schön, immerhin wird man mal vier Tage freundlich behandelt.
In der Agra suchen wir verzweifelt nach Fledermaus-Schmuck. Das ist heutzutage gar nicht mal so einfach, aber wir werden zum Glück irgendwann doch fündig und stopfen uns mit frisch gebackenem Handbrot voll, um auf das Konzert von Peter Murphy zu warten, das irgendwann in tiefster Nacht stattfinden wird.

Samstag ist für mich ein wichtiger Tag: Ich werde bei Wonderland 13 Kunden vor Ort zeichnen. Gotikieren. Ich liebe das. Gegen 17 Uhr muss ich allerdings die Location wechseln, da Agonoize eine Autogrammstunde haben. Aber das ist kein Problem: Zeichnen kann ich immer und überall und darum ziehe ich mit meinen Kunden einfach schräg gegenüber vor die Bäckerei Lukas. Dort entstehen noch einige Gotikaturen, die ich die Tage darauf bearbeiten und veröffentlichen werde.
Abends sind wir noch ein Weilchen auf der „A Night With The Cure“-Party.

Sonntag wollen wir eigentlich Lord Of The Lost sehen, doch das teuflische Regenwetter macht uns einen Strich durch die Rechnung und wir sind gezwungen, in der Agra-Markthalle herumzustromern. Dafür schauen wir zu später Stunde P.I.L., da die Gothmum gerne Johnny Rotten, den Sänger der legendären „Sex Pistols“ sehen möchte.
Sieben Euro für ein winziges Becherchen Wodka Energy finde ich etwas heftig, möglicherweise kaufen wir nächstes Jahr eine Obsorge-Karte, die es einem erlaubt, eigene Getränke mit aufs Gelände zu nehmen. Oder wir gehen einfach nur nach Leipzig auf schwarze Parallelveranstaltungen, für die man kein Bändchen braucht, mal sehen.

Montags sind wir einige Minuten beim Spontis Family Treffen im Park hinter der Moritzbastei und trödeln danach ein wenig in der Stadt herum, um leckere Pasta und Berge von Eiscreme zu essen. Gegen Abend sehen wir im Alten Landratsamt „Lament“, eine wavige Post-Punk-Band aus dem Leipziger Raum. Musikalisch ist sie mein persönliches Highlight. Der Sänger, der die Gothmum an einen Ägyptologen mit einer Prise Robert Smith erinnert, macht einen etwas verpeilten, aber sympathischen Eindruck und macht gute Arbeit, trotz seines offensichtlich kratzigen Halses. Wir verlassen die Location, um „Balzac“ im Täubchental zu sehen. Japanischer Horrorpunk, hören sich gut an, lediglich die Luftfeuchtigkeit in beiden Locations ist eher bedrückend. In der Hoffnung, „Pink Turns Blue“ sehen zu können, brechen wir zeitig zurück zum Landratsamt auf, um auf eine gewaltige Schlange vor dem Gebäude zu stoßen, die sicher einige hundert Meter die Straße hinab Richtung Hauptbahnhof führt. Ein Hineinkommen ist unmöglich.
Das ist natürlich schade, aber da wir komplett k.o. sind, finden wir uns damit ab.

Und schon ist das WGT wieder vorbei und unser Abreisetag ist gekommen. Die Gothmum wird noch eineinhalb Wochen in Leipzig bleiben, da sie einige Seminare an der Universität hat, meine Gruftine fliegt zurück nach Köln und ich mache mich auf den Weg nach Karlsruhe mit ein paar gemischten Gefühlen. Wir haben viele liebe Menschen getroffen und es war an sich eine schöne Zeit, aber irgendwie hat das WGT dieses Jahr nicht wirklich „Klick“ bei mir gemacht.

Nun ja, 2017 ist auch noch ein Jahr.

 

 

Gothic Friday 2016: Wie bist du in die Szene gekommen?

Es ist eine Weile still gewesen hier auf meinem Blog. Verdammt still. Ich muss gestehen, dass ich in der Zwischenzeit fast vergessen hatte, dass diese Seite überhaupt noch existiert. Ich habe so viele Gotikaturen gezeichnet, dass ich den „Mondboten“ völlig verdrängt hatte und nun sehe ich mit Grausen all meine alten Peinlichkeiten, die ich in jugendlichem Grufti-Ernst verfasst hatte.

Auf Spontis gibt es mittlerweile wieder den „Gothic Friday“, was mich sehr freut, da ich mich noch gut an die vergangenen Beiträge all der bloggenden Schwarkittel erinnere und nun ist es wieder soweit. Thema: „Wie bist du in die Szene gekommen?“
Das ist zumindest für mich persönlich eine relativ einfache Antwort.
Ich wuchs als Lehrerkind bei meinen Eltern in Bruchsal, einer kleinen, verstaubten Beamtenstadt bei Karlsruhe auf. Da meine beiden älteren Schwestern bereits ausgezogen waren, als ich in die Pubertät kam, hatte ich niemanden, den ich großartig ärgern konnte, und so so war ich auf mich allein gestellt. Seit Kindesbeinen an, hatte ich eine große Affinität für Vampire. Ich liebte die Serie „Der Kleine Vampir“ von 1986 mit Jim Gray und ar begeistert von dessen Song „They Can See In The Dark“, der mir nicht mehr aus dem Kopf gehen sollte.
Da ich schon damals sehr viel zeichnete, waren auch meine Illustrationen und Comics eher düster, was allerdings niemanden sonderlich zu stören schien. Im Gegenteil, oft hatte ich das Gefühl, dass sich kein Mensch für meinen Kruscht interessierte. Und so hatte ich alle Narrenfreiheit, die ich benötigte.
Eines Tages, es muss etwa 2004 gewesen sein, schleppte mich meine Schulfreundin Grit ins XtraX und den Spirit Shop, der sich damals noch am Prinz-Max-Palais direkt hinterm Europaplatz befand. Die Weihrauch- und Patchouly-geschwängerte Luft hatte es mir sofort angetan. So etwas hatte ich zuvor noch nie erlebt. Die schwarzen Klamotten, der Silberschmuck, überall Schädel und Fledermäuse…. diese Ästhetik war einfach genial: Ich fühlte mich wahrhaftig wie in einer Gruft. Auch das etwas befremdliche, distanzierte Verhalten der anderen Kunden gefiel mir irgendwie. Es hatte etwas von einer anderen Welt, die ich heutzutage oft vermisse.
Auch musikalisch war hier vieles für mich neu. Da ich bereits vorher eher gitarrenlastige Musik bevorzugte, fand ich mich hier ebenso zu Hause und war erstaunt, dass mir plötzlich auch synthetische Klänge zusagten. So waren „Deine Lakaien“ eine der ersten „schwarzen Bands“ für mich.
Musikalisch habe ich mich allerdings über Lastfm und andere Plattformen „gebildet“ und blieb schon sehr früh bei meiner absoluten Lieblingsband „The Cure“ hängen, die mich bis heute begleiten.
Robert Smith war immer mein großes Vorbild, darum versuchte ich mich immer möglichst ähnlich wie er zu kleiden und mir auch seine Wuschelfrisur anzueignen.
Man kann mich gerne „Mainstream-Oldschool-Grufti“ nennen, das ist für mich ok, denn ich stehe dazu, dass ich die „Sisters Of Mercy“, aber auch Minimal Wave und so Kram heute immer noch höre und nicht jeden Scheiß des Undergrounds kenne, das möge man mir vergeben, denn ich bin jetzt einfach alt🙂
Es folgten viele Konzerte und Festivals, meine Klamotten wurden immer schwärzer, bis ich nichts anderes mehr trug – selbst im Berufsleben ist es mir „Goth“ sei Dank gestattet.
Eigentlich ist dieser Blogbeitrag Blödsinn, denn was schreibe ich nicht schon Interessantes, was viele andere auch schon verfasst haben?
Also, richtig „in der Szene“ aufgenommen fühle ich mich, seit mein Projekt „Gotikatur“ etwas in Umlauf geraten ist und ich dadurch einiges zu tun habe. Es bereitet mir eine wahnsinnige Freude, zumindest einen kleinen, kreativen Teil zur schwarzen Szene beitragen zu dürfen. Das ist für mich Lebensinhalt. Das möchte ich tun, bis ich früher oder später sterben werde. Hoffentlich erst in einer Weile, aber bis dahin möchte ich noch sehr viel kritzeln😉

Gastbeitrag: Das Manifest, das keinen interessiert

Ist es nicht schon fast ironisch amüsant, dass der Mensch der versucht Beziehungen zu kitten und Menschen zu versöhnen am Ende immer wieder der Sündenbock für alles und jeden ist? Man möchte doch meinen, die Geschichte hat uns das beigebracht aber dennoch – rennen wir immer wieder genau damit in unser verderben. Worte werden einem im Mund umgedreht und Sätze aus dem Zusammenhang gerissen weitergegeben mit völlig anderem Tenor. Eigene Fehler und eigene Schuld wird auf den Sündenbock abgegeben, als wäre er ein seelenfresser, dessen Aufgabe es ist die wuchernden Krebsgeschwüre des Fehlverhaltens anderer, sich zu eigen zu machen.
Es ist das einfachste und das angenehmste, dem Menschen der sich alle Seiten anhört und versucht zu verstehen, die Schuld an allem zu geben und ihn durch den Dreck zu ziehen, letztendlich auch mit Lügen. Witziger Weise gehen die meisten Menschen davon aus, das wenn man etwas nachvollziehen kann oder verstehen, man automatisch der gleichen Meinung ist. De, ist aber nicht so. Man kann vieles verstehen und es dennoch als falsch, unnötig und schlichtweg daneben befinden. Versteht man allerdings 5 Seiten zu einem Thema (es sei dahin gestellt wie man die Seiten für sich selbst sieht) ist irgendwann ein Punkt angelangt, an dem jedes Bestreben, keiner der fünf Seiten in den Rücken zu fallen, einfach unmöglich ist. Spätestens hier sollte man erkennen, dass man zu lange versucht hat zu verstehen, zu kitten und man einfach zu lange zugehört hat. An diesem Punkt muss man sich entscheiden. Sich selbst nicht in den Rücken zu fallen steht an oberster Stelle, danach der Mensch den man liebt. Die Entscheidung ist einfach, die Konsequenzen nicht. Denn dadurch, dass man zu lange zugehört hat, verstanden hat, und Menschen nicht verstehen zu scheinen, dass Verständnis nicht gleich gutheißen und Situationen genauso sehen bedeutet, ist man im Mittelpunkt des Kreuzfeuers. Es ist mehr eine Frage der Zeit, als eine Frage ob, bis jemand sich diesem Verständnis bedient um einem, den Strick draus zu drehen und den Sündenbock zu erschaffen. Logisch, wer kennt alle Meinungen und Gedanken? Wer war so naiv und glaubte Verständnis und zuhören würden Beziehungen retten können? Wer weiß schlichtweg zu viel und hat es gewagt dem Feind die gleiche Zeit zu schenken?
Der Sündenbock kommt nicht mehr zu Wort. Es ist egal, was er dazu zu sagen hat, oder wie es wirklich war.
Menschen brauchen jemanden dem sie die Schuld für ihr Fehlverhalten und ihre Probleme geben können. Was immer sie nachts besser schlafen lässt und sie tagsüber besser aussehen lässt. Wahrheit und Ehrlichkeit spielt in solchen Momenten keine Rolle mehr. Der Grundrespekt einem Menschen gegenüber einfach weil er Mensch ist, geht in dem Moment flöten, wenn man ihn zur Zielscheibe macht. Wozu Gedanken machen ob es wahr ist? Warum nachhaken und nachfragen? Wenn es doch so bequem ist.
Aus den Gründen kann man eine Gleichung erstellen. Einmal Sündenbock=nie wieder Vertrauen in die Menschheit. Denn es ist egal wie gut man etwas meint, wir sehr man sich bemüht, wie viel Dinge richtig zu machen einem bedeutet. Es wird immer irgendwann eine Situation kommen, in dem einem aus seiner Menschlichkeit und dem Glauben an das moralische menschliche in anderen ein Strick gedreht wird. Es ist was wahres dran, dass derjenige der helfen will der Dumme ist am Ende.
Vielleicht ist die Welt nicht bereit für Menschen die zu moralisch und gerecht sind, oder versuchen es zu sein. Den das gleiche Gehör für alle Seiten zu haben, ist plötzlich ungerecht und Verständnis zu haben bedeutet man hat zugestimmt. Vielleicht ist die Welt nicht bereit für keine schwarz/weiß Denker.
Ich hör dem Sündenbock zu. Weil er meistens fälschlicherweise einer wurde, so wie ich. Ich hör mir die Seite der verdammten an, weil sie meistens ehrlicher ist und ich selbst einer bin.
Und allen Rate ich nur als erstes mit dem Finger auf sich zu zeigen und den ersten Stein auf sich zu werfen. Dreimal zu überlegen bevor man sich sicher ist mit etwas und jemanden.
Und glaubt mir, Karma existiert.

Autor: Anonym

Young & Cold II

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Samstag, den 13. August 2014.
Mein Reisebus kriecht im Schneckentempo über die Autobahn A8 Karlsruhe via Stuttgart auf dem Weg nach Augsburg, tiefstes Bayern. Meine Mission: Lebendig das zweite Young & Cold Festival zu erreichen, dessen Debüt im vergangenen Jahr 2013 ich zu meiner Schande verschlafen habe. In der Hoffnung, noch rechtzeitig anzukommen, steht mir der Schweiß im Gesicht. Es ist nicht die Angst, vor der hohen Geschwindigkeit von nahezu einem Meter pro Stunde, sondern die Angst, etwas zu verpassen.Doch pünktlich um halb zwei am späten Nachmittag bleibt der völlig ausgepowerte Fernbus ächzend in einer Raststätte bei Augsburg stehen. Jippi! Nun nur noch schnell in die Straßenbahn gehüpft – was gar nicht so leicht ist nach fast drei Stunden Sitzen – und ab ins Hotel zu Stifi und Franzi, um der optischen Erscheinung noch die würdige Unterstreichung zu geben.

PIKES! Wohin das Auge reicht… ich habe bisher noch nie so viele Exemplare dieses alterwürdigen und fast anachronistischen Schuhwerks in einem Raum liegen sehen. Meine beiden Freunde scheinen ihre komplette Sammlung mitgenommen zu haben, denn irgendwie tauchen sie überall wieder auf, egal ob in Koffern oder hinter versteckten Schranktüren. Eine Wand aus Nebel kriecht bedrohlich aus dem Badezimmer entgegen. Es handelt sich um eine Mischung aus Haarspray und Toupier-Puder. Herrlich!
Auf meinem Haupt steht schon nach kurzer Zeit eine Miniaturvariante des Eiffelturms, nur nicht ganz so verrostet. Stifi sei Dank🙂

Und auf geht’s. Weil ich leider aufgrund meiner Schicht den ersten Teil des Festivals am Freitag nicht miterleben konnte, bei dem unter anderem „Elvira And The Bats“ sowie die „Fliehenden Stürme“ spielten, will ich heute ganz genau aufpassen. Wurde Freitag das musikalische Augenmerk auf den Klang der Gitarre gelegt, so sind es heute die Synthesizer. In der Location angekommen, die übrigens zweistöckig ist, ertönen uns gleich die ersten Töne von „Neon Romance“. Haben sie mir auf Platte eigentlich ganz gut gefallen, so bin ich ein wenig von der optischen Erscheinung irritiert. Helene Fischer hatte ich gar nicht erwartet🙂 Aber gut, jede Menge Leute sind gekommen, manche die ich bisher noch nicht persönlich getroffen habe, aber nun endlich auch mal „lebendig“ zu Gesicht bekomme, was mich sehr freut. Durch die Umbau-Pausen gibt es auch keine Überschneidungen, so dass man alle Bands sehen kann. Meine musikalischen Highlights an diesem Abend: „Oppenheimer MK II“, ehemals „Oppenheimer Analysis“ neben „Ben Bløødygrave“.Pikes

Fazit: Klein, fein, handgemacht und familiär. Pikes. Haare. Schwarz. Schön. Für mich ist das Young & Cold genau das, was es in der „Szene“ mehr geben sollte, fern vom schwarzen „Mainstream“, aber dennoch lässt es sich messen. Mein Favourit 2014. Nächstes Jahr auf jeden Fall wieder.

https://www.facebook.com/YoungAndColdFestival?fref=ts

Festival-Bilder: https://www.facebook.com/uomo.black.39/media_set?set=a.1461307857466587.100007621603527&type=3https://www.facebook.com/uomo.black.39/media_set?set=a.1461307237466649.100007621603527&type=3

Gastbeitrag: Ina Wölfin – Meine ganz persönliche Sicht der Dinge – Teil I

Es war einmal – so könnte ich beginnen, denn Gruftis/Gothics und was damit zusammenhängt, ist tot und die Klischees werden langsam totgetreten. In den 80ern sah man die Wesenheit, die sich Grufti nannte (mir kam das Wort oder die Bezeichnung „Gothic“ erst in den 90ern zu Gehör). Es waren eben jene, die eine Mischung aus Punk und Totengräber waren, und mit schwarzem Humor und dunklen Gedanken dem dunklen Pfad folgten, den man in der Finsternis gar nicht sehen konnte, „No Future“ war es in den 80ern und paßt auch in die heutige Gedankenwelt. Mag sein, dass es immer Menschen gab und geben wird, die anders sein wollen. Nicht angepasst und bunt, nicht Stino und langweilig. Mit einem solchen Look konnte früher mancher Mensch geschockt werden. Das war das Ziel, schockieren und in Ruhe gelassen werden mit all dem täglichen Normalowahnsinn. Sich über Tod und Teufel unterhalten können ohne dass der Gegenübersitzende schreiend die Flucht ergreift und sich dabei hektisch bekreuzigt. Über Kriege diskutieren, über Apokalypse, Weltuntergang, Atomkrieg, psychische Krankheiten, Mord und Totschlag. Dazu Musik, die genauso unterhaltsam ist wie diese Themen. Sicher wurde und wird auch über Politik geredet, doch soweit möglichdoch neutral, „sich austauschen“ nennt sich das. Ohne Vorurteile zu sein gegenüber Figur und Optik eines Menschen, tolerant gegenüber jedem Thema und jeder Meinung. Doch das mag den Damen und Herren auf dem Throne unserer Demokratie nicht gut schmecken. Sind doch diese seltsamen rätselhaften gruseligen Gestalten zu undurchsichtig. Und die Politiker sind doch eher darauf aus, dass Mensch vereinzelt wird, denn Gruppen könnten ja schon eine Demo werden und dann müssen sie wieder die Polizei losschicken, die drauf haut ohne zu fragen. Mensch muss durchschaubar sein, Mensch ist allein besser kontrollierbar und mit Angst leicht zu unterdrücken und gut zu lenken. Sollte es da etwa Menschen geben die sich davon nicht beeindrucken lassen wollen? Die nicht jeder Werbung blind folgen und alles glauben was aus dem TV quillt? Das geht aber nicht und neben Gruftis/Gothics gibt es janoch Punks, HipHopser und Emos und… was auch immer. Wie dagegen angehen ohne gegen die Demokratie zu verstoßen, Gesetze können sie nicht machen, die sowas verbieten, das wäre Diktatur. Also nimmt man „Schwarz“ auseinander – und bekanntlich ist Schwarz die Summe aller Farben. So beginnt es, dass in diversen TV Sendern Dokus über „Gothic“ laufen,vorrangig das WGT (Wave Gothic Treffen). Dann wird Gothic in diversen Soaps, Talkshows und sonstigen Sendungen vermurkst, Halbwissen bzw. Unwissenheit ist da das kleinste Problem. Denn die Wahrheit soll ja gar nicht an Licht kommen. Normalo-Mensch sitzt dröge vor der Glotze und frisst denn Dreck stillschweigen. So ist dann „Gothic“ was ganz Alltägliches dank „GZSZ“, „Unter uns“, „Einstein“, „NCIS“, „Weddingplaner“, „Wohnungssuchsendung“ (was weiß ich wie das heißt!). Um das ganze noch zu verstärken, werden Bands plötzlich von Produzenten entdeckt und verkommerziallisiert, zumindest jene, die es mitmachen und siehe da, es werden Stars –  und alle Stinomenschen glauben einen neuen Gott gefunden zu haben. Aus der sogenannten „Gothicszene“ wird dann ein (wahrhaft) buntes Gemisch aus Cyber/Techno, Metal, Blackmetal, Neofolk, Elektro, EBM, NDH, NDW, Wave, Minimalelektro, Punk undwasweißichnichtnochalles! „Schwarz“ ist out, weil – ja warum denn immer „schwarz“? Ja und „tolle ranz“ gibt’s nicht mehr. Wer nicht „X-trax“ trägt is uncool, wer nicht megageschminkt ist und so bitte täglich auch zum einkaufen geht, kein echter Gothic. Dick ist uncool und dünn ach je – immer diese Magersucht! Bei all dem Irrsinn und Schwachsinn ist Meinereinerwenigkeit fast glücklich mal in bösen Negativschlagzeilen zu lesen das Gothics ja doch böse Mörder sind, die böse Musik hören (wie Lacrimosa… Insider grinsen jetzt). Aber nun da so ziemlich alles an Jugendlichen wieder hübsch vereint in „einer“ Gruppe ist, sind sie wieder gut überschaubar, bzw. kontrollierbar, weil sie nun dazu beitragen (müssen), die Wirtschaft anzukurbeln, denn Gothic-Kram gibt’s nun überall oder das, was dazugemacht wird. X-trax verkauft pupsrosa und quitschgelbe Klamotten! Während Stinoläden Lack, Leder, Rüschen, Schnallen, Schwarz, Drachenaufdrucke usw. verkaufen. Da es bezahlbarer ist als X-trax und Co. zieht man es vor. Selber schneidern muss niemand mehr und so ist die Kleidung massentauglich und Gruftis gibt es nicht mehr nur noch „new Gothics“. Ich bin alt in jeder Form und ich BIN Grufti, Bekleidung schwarz, sonst ist eigentlich alles erlaubt. Welch Glück, aber auch Unglück, dass in Köpfe nicht hinein gesehen werden kann. Denn oft erkennt sich Grufti nur noch am Verbalen Gedankenaustausch. Das Thema Nazis in der Schwarzen Szene ist nichts Neues. Seit den 90ern gibt es sie dank Neofolk und selbst im Zillo gab es eine Anzeige einer bekannten Nazi-Zeitung. Auf dem WGT stehen rechte Verkaufsstände und es sollen sogar rechte Bands auftreten. Das, gebe ich zu, habe ich nur gelesen und gehört, denn auf dem WGT war ich noch nie. Inzwischen gibt es vermutlich rechte Gothic-Foren und es geschieht, was einst der Skinhea/Ska-Szene geschah. Darum meide ich Diskotheken auch größtenteils. Zum Ende gibt es nur noch das eine: Es bleibt zu hoffen, dass sich ein paar weiterhin im Untergrund verstecken, gemeinsam der Dunkelheit und ihren Themen fröhnen – und das Gruftidasein unsterblich bleibt und SCHWARZ.
Ave Satanas! Amen oder was auch immer, schönes Leben noch.

Ina Wölfin

Hat Gothic wirklich sein Herz verloren? Oder gar seinen Sinn?

Aus Katrins ArchivBezugnehmend auf einen Artikel, den fetisch:Mensch-Gitarrist Tim Hofmann vor einigen Tagen auf dem offiziellen Band-Blog verfasst hat, gab es nicht nur dort, sondern auch auf Spontis eine ganze Menge Kommentare, die (für mich) sehr spannend zu lesen sind. Tim Hofmann stellt in seinem Artikel die (nicht allzu unbekannte) These auf, „Gothic“ und insbesondere das Lebensgefühl sei verwässert und irgendwie verschwunden. Interessanter jedoch finde ich die Kommentare, wo auch viel über die Entstehungsgeschichte der „Szene“ und die Frage, inwieweit Inhalte wichtig oder unwichtig seien. Zwei Kommentare habe ich mit freundlicher Genehmigung der beiden Spontis-Leserinnen hierher „geguttenbergt“, um sie nicht in der endlosen Tiefe an weiteren Kommentaren verschwinden zu sehen. Denn ich muss sagen: Wenn ich eines an Spontis besonders mag, dann sind es die regen Diskussionen oder verschiedenen Ansichten, die die Leser zu den vorgestellten Themen haben.

Ich beginne mit Katrins Kommentar:
„Ich denke, man darf bei all den theoretischen, kultur-historischen Ausführungen, die letztlich zu nichts führen, nicht vergessen, den Fokus auf kleine, persönliche Erlebniswelten zu richten, da diese nach meinem Empfinden letztlich ein viel klareres Bild einer vergangenen Zeit liefern. Es ist richtig, dass damals die Musik das zentrale Thema war, welches die schwarzen Menschen im Kern verband. Mochte jemand The Cure oder die Sisters und sah dabei noch den eigenen Idolen ähnlich, konnte dieser gleich dreimal so bekloppt sein, wie der Rest der bunten Welt, man sah soweit es ging drüber weg und verzieh um einiges mehr. Solang jemand die „richtige“ Musik konsumierte und gruftig aussah, war alles tutti. Man darf eben auch nicht vergessen, wie alt oder besser jung wir damals waren. Und streckenweise pubertierend dazu. Als ich mit 13 Jahren begann, meine Haare aufzutürmen und mich in schwarze Klamotten zu hüllen, tat ich das aus einer Faszination für das „Andere“ heraus. Mehr als Musik und Klamotte war das Ganze für mich von Anbeginn. Ich habe mich schon früh intensiv den Inhalten der alles verbindenden Musik gewidmet und meine Wände waren geziert von stümperhaft übersetzten Songtexten und auf kariertem Schreibpapier gezeichneten Bildern (Ich bin Jäger und Sammler, weswegen ich unten mit Relikten zum Anschauen dienen kann. *g). Ich mochte Menschen, die sich daran erfreuen konnten und in mir mehr sahen, als einen pubertierenden Teenie, und ich zog mich zurück von jenen, die mir absprachen, das tiefe, stille Wasser zu sein, als welches ich gern wahrgenommen werden wollte. Ich begann auch selber Texte zu schreiben und verbrachte Stunden allein mit mir, ner Kerze und einem Blatt Papier. Irgendwann kamen Trakl, Kafka und Poe dazu. Und ich umgab mich mit Menschen, die ähnlich tickten wie ich. Und eben auch jenen, die mir komplett fremd waren, aber eben gut aussahen in ihrem Robert-Smith-Gedenk-Outfit. Wir hatten unsere Musik und eine Menge Spaß in ganz stillen und auch ganz lauten, überschwänglichen Stunden. Das (Er-)Lebensgefühl von damals kann ich auch heute noch in mir abrufen und auf Knopfdruck auch die Emotionen und die Melancholie von damals, welche mir sehr lieb geworden sind über all die Jahre. Schwieriger wird es da schon bei der Toleranz. Begegnet mir heute jemand in schwarzem Megaoutfit und benimmt sich wie der letzte Trottel, dann komme ich nicht umhin, den einfach nur Scheiße zu finden. Und da kann er zehnmal dieselbe Musik mögen wie ich. Noch schwieriger wird es mit meiner Toleranz bei Menschen, die sich berüschen und auffummeln, um dann zu Mitklatsch-Kajal-beschmierten-Rockbands abzufeiern. Das ist nicht meine Welt. Da gehöre ich nicht hin. Und ich glaube, das ist es auch, was Tim im Kern meint: Dieses Fremdfühlen in einer schwarzen Masse von Menschen, die es nicht interessiert, wenn man von schwarzer Melancholie, Leben oder Tod schreibt, singt oder redet, geschweige denn, dass sie es auch nur im Ansatz nachvollziehen könnten. Um zu einem positiven Abschluss zu kommen: Es gibt zwischenzeitlich ja tatsächlich viele Veranstaltungen, wo man sich schlagartig gut aufgehoben fühlt. Wo noch Blicke reichen und man versteht einander. Wo man ungehemmten Spaß haben kann oder auch stille Stunden genießen. Und das finde ich bemerkenswert und immer wieder schön.“

Frau B aus G schreibt dazu:
„Katrin, Du bringst es mit diesem wundervollen, persönlichen Beitrag auf den Punkt, vor allem mit der Einleitung! Ich bin leider nicht so gut im „Gefühle-Beschreiben“, daher einfach nur mal ein Danke !!! an Dich.🙂 (Ich hab auch noch einige gemalte Bilder …😉 , mit Songtexten kann ich leider nicht dienen. ) Auch Death Disco und Kara Ben Nemsi, bei vielen Eurer Beiträgen erwische ich mich auch oft beim stillen „Nicken“.🙂 Der Mensch ist ein Individuum und jeder hat seinen eigenen Grund, wieso und weshalb er das schwarze Outfit — mehr oder weniger extrem — gewählt hatte, da können diejenigen, die die Zeit damals nicht miterleben durften gegen die Leute, die sie erlebten durften, fachsimpeln wie sie möchten, sie werden zu keiner Lösung kommen. Denn die gibt es einfach nicht pauschal. Ihr macht mich auch langsam echt kirre hier. Für die meisten ist mit Sicherheit Musik das Wichtigste, diese ist z. B. auch bei meinem „In-der-Versenkung-Verschwinden“ immer dageblieben.
Andere wiederum lesen sich durch Bücherregale und/oder schreiben selber.
Die nächsten lieben Horror-/Grusel-/Vampirfilme.
Oder manche sind extrem kulturell interessiert.
Weitere lieben alles Alte, Mystische, Gothische, Friedliche… und fühlen sich einfach wohl in der entsprechenden Umgebung.
Andere setzen sich den halben Tag lang mit Tod und Verderben auseinander und/oder sind depressiv …..
…. und ja, 1 % der „Schwarzen“ sind vielleicht auch Satanisten! Und jeder meint irgendwie, daß nur SEIN ausschlaggebender Punkt fürs „Grufti-Sein“, die Berechtigung sei, die Grufti-Weisheit (von der Entstehung aus dem Punk und/oder Wave heraus… bis heute) mit Löffeln gefuttert zu haben. Ihr werdet hier niemals zu einer Lösung kommen. Erfreut Euch an den schönen Erlebnissen die Ihr hattet (wenn Ihr sie hattet) und behaltet diese gut in Erinnerung! Und dann kann doch jeder für sich selbst entscheiden, ob er dieses Gefühl, was er bei oben genannten Themen empfindet, auch „optisch“ nach außen tragen möchte. Sei es in dezentem Schwarz mit Jeans und Pulli oder in Extrem-Outfit, weil man das einfach GEIL fand oder findet, denn letztendlich IST es eine „Modeerscheinung“ so herum zu laufen!!!! Niemand z. B. zwang mich damals dazu, daß ich mich 4 – 5 Stunden vorm Weggehen vor den Spiegel stellte und mich zurecht machte, wie es mir gefiel. Robert Smith verlangte das sicher nicht von mir, nur weil ich seine Musik hörte. „Schaulaufen“ im Gruftibereich gabs damals genau so wie heute. Und es machte – mir zumindest — einen Riesenspaß! Es war damals nur schwieriger, an entsprechendes Outfit zu kommen. Man konnte nicht „mal eben“ im Gruftishop nebenan oder im Internet (das gabs da noch nicht) sein Outfit kaufen. Man bastelte über mehrere Tage oder Wochen selbst. In welcher Form auch immer. Aber mit ganz viel Leidenschaft und Kreativität. Die Stunden, die ich alleine an der Nähmaschine für meine Kutten, Kleider und Mäntel verbracht habe, habe ich nie gezählt. Ich hatte nicht mal Schnittmuster, alles habe ich aus dem Kopf genäht und gebaut. Auch an „optische“ Vorbilder kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich sah damals „Ratte“ in der Bravo… und dann nahm mein damaliges schwarzes Leben — optisch gesehen — seinen Lauf… und wurde über die Jahre immer extremer. In meinem „Endstadium“, denke das war ca. Ende 1992, war man teilweise selbst „Vorbild“ für die Junggrufties bzw. „Fraggles“, wie sie liebevoll *grins* genannt wurden. Und uns „Alten“ wurden Geschichten angedichtet, sei es über Grabschändungen, Katzenmorde, Sargschlafen oder weiß der Geier, die Presse tat ja immer gern ihr übriges dazu … niemals jedoch hat damals auch nur ein einziger Junggrufti gefragt, WARUM ich so herum lief. Diese Blöße wollte man sich als Nachwuchs dann auch nicht geben.😉 Ok, klar, wir hatten einen Sarg, zum Schlafen war er aber zu unbequem… aber die unzähligen Grableuchten in der Wohnung sorgten stets für eine schöne Stimmung. Die Grabsteine waren auf legalem Weg in die Wohnung gekommen. Ich kann die vielen Leute, die über das WGT schimpfen, daß es „nur ein Schaulaufen sei“, nur bedingt verstehen. WENN man sich denn mal richtig aufbrezeln möchte, wenn nicht dort, wo denn bitte dann??? In der Woche war es sicherlich damals wie heute mit dem extremeren Outfit etwas schwierig, weil man mit Geld zur Arbeit gezwungen wurde oder wird, und dort kann man sich oft nicht so zeigen, wie man gerne würde. So ging und geht es zumindest mir. (Ja, Gruftis waren und sind echt ganz normale Menschen!!!! Gehen Arbeiten (in der Regel) und leben wie jeder andere normale Mensch auch, haben ggfs. nur andere Vorlieben und Hobbys.) Und selbst wenn ein „optischer Extremgrufti“ auf dem WGT zu sehen ist, wer nimmt sich das Recht heraus, über diese Person – unbekannterweise und alleine vom Outfit her – zu urteilen? Woher will man wissen, daß dieser nicht DER bestbelesenste und gelehrteste und obergruftigste Obergrufti höchstpersönlich ist, nur weil er endlich mal wieder, optisch gesehen, die Sau rauslässt und als Gesamtkunstwerk durch die Gegend stiefelt? Die Leute, die Samstags abends in der Disco im schwarzen 08/15-Aderlass-Outfit auf der Tanzfläche abzappeln, muß man halt einfach kommentarlos hinnehmen. Man muß sie ja nicht zwanghaft kennenlernen oder sie in ihren Freundeskreis aufnehmen. Sie halten die wenigen Diskotheken und Veranstaltungen am (finanziellen) Überleben, weil sich kaum noch ein Grufti heraustraut. So empfinde ich das jedenfalls, seit Mai war ich JEDES (!) Wochenende unterwegs. Gruftis suche ich fast vergebens… von 100 Leuten sinds vielleicht 5. Ich bin gespannt, wohin mich meine Reise nun wieder führen wird. Ich fühle mich aktuell so wohl wie in den letzten 20 Jahren nicht, und jeder, der mich etwas näher kennt, kann das bestätigen. An dieser Stelle mal ein dringender Veranstaltungs-TIP, in den ich viel Hoffnung setze: Im TIC in Mülheim gibt es am 25.04.2014 ein ganz besonderes Event mit Klaus Märkert. Schaut bitte auf die TIC-Homepage! Vielleicht traut „Ihr Altgrufties“ Euch dann auch mal wieder unter das schwarze Volk. Da es ein Freitag ist, ist die Chance groß, daß das übliche Partyvolk eher nicht kommt.😉 PS: Sorry für den Roman, Katrin war Schuld!“

Wenn ich Kommentare wie diese lese, weiß ich, dass Gothic nicht tot ist. Zumindest nicht die Form von Gothic, wie ich sie mir vorstelle.