Szene

Hat Gothic wirklich sein Herz verloren? Oder gar seinen Sinn?

Aus Katrins ArchivBezugnehmend auf einen Artikel, den fetisch:Mensch-Gitarrist Tim Hofmann vor einigen Tagen auf dem offiziellen Band-Blog verfasst hat, gab es nicht nur dort, sondern auch auf Spontis eine ganze Menge Kommentare, die (für mich) sehr spannend zu lesen sind. Tim Hofmann stellt in seinem Artikel die (nicht allzu unbekannte) These auf, „Gothic“ und insbesondere das Lebensgefühl sei verwässert und irgendwie verschwunden. Interessanter jedoch finde ich die Kommentare, wo auch viel über die Entstehungsgeschichte der „Szene“ und die Frage, inwieweit Inhalte wichtig oder unwichtig seien. Zwei Kommentare habe ich mit freundlicher Genehmigung der beiden Spontis-Leserinnen hierher „geguttenbergt“, um sie nicht in der endlosen Tiefe an weiteren Kommentaren verschwinden zu sehen. Denn ich muss sagen: Wenn ich eines an Spontis besonders mag, dann sind es die regen Diskussionen oder verschiedenen Ansichten, die die Leser zu den vorgestellten Themen haben.

Ich beginne mit Katrins Kommentar:
„Ich denke, man darf bei all den theoretischen, kultur-historischen Ausführungen, die letztlich zu nichts führen, nicht vergessen, den Fokus auf kleine, persönliche Erlebniswelten zu richten, da diese nach meinem Empfinden letztlich ein viel klareres Bild einer vergangenen Zeit liefern. Es ist richtig, dass damals die Musik das zentrale Thema war, welches die schwarzen Menschen im Kern verband. Mochte jemand The Cure oder die Sisters und sah dabei noch den eigenen Idolen ähnlich, konnte dieser gleich dreimal so bekloppt sein, wie der Rest der bunten Welt, man sah soweit es ging drüber weg und verzieh um einiges mehr. Solang jemand die „richtige“ Musik konsumierte und gruftig aussah, war alles tutti. Man darf eben auch nicht vergessen, wie alt oder besser jung wir damals waren. Und streckenweise pubertierend dazu. Als ich mit 13 Jahren begann, meine Haare aufzutürmen und mich in schwarze Klamotten zu hüllen, tat ich das aus einer Faszination für das „Andere“ heraus. Mehr als Musik und Klamotte war das Ganze für mich von Anbeginn. Ich habe mich schon früh intensiv den Inhalten der alles verbindenden Musik gewidmet und meine Wände waren geziert von stümperhaft übersetzten Songtexten und auf kariertem Schreibpapier gezeichneten Bildern (Ich bin Jäger und Sammler, weswegen ich unten mit Relikten zum Anschauen dienen kann. *g). Ich mochte Menschen, die sich daran erfreuen konnten und in mir mehr sahen, als einen pubertierenden Teenie, und ich zog mich zurück von jenen, die mir absprachen, das tiefe, stille Wasser zu sein, als welches ich gern wahrgenommen werden wollte. Ich begann auch selber Texte zu schreiben und verbrachte Stunden allein mit mir, ner Kerze und einem Blatt Papier. Irgendwann kamen Trakl, Kafka und Poe dazu. Und ich umgab mich mit Menschen, die ähnlich tickten wie ich. Und eben auch jenen, die mir komplett fremd waren, aber eben gut aussahen in ihrem Robert-Smith-Gedenk-Outfit. Wir hatten unsere Musik und eine Menge Spaß in ganz stillen und auch ganz lauten, überschwänglichen Stunden. Das (Er-)Lebensgefühl von damals kann ich auch heute noch in mir abrufen und auf Knopfdruck auch die Emotionen und die Melancholie von damals, welche mir sehr lieb geworden sind über all die Jahre. Schwieriger wird es da schon bei der Toleranz. Begegnet mir heute jemand in schwarzem Megaoutfit und benimmt sich wie der letzte Trottel, dann komme ich nicht umhin, den einfach nur Scheiße zu finden. Und da kann er zehnmal dieselbe Musik mögen wie ich. Noch schwieriger wird es mit meiner Toleranz bei Menschen, die sich berüschen und auffummeln, um dann zu Mitklatsch-Kajal-beschmierten-Rockbands abzufeiern. Das ist nicht meine Welt. Da gehöre ich nicht hin. Und ich glaube, das ist es auch, was Tim im Kern meint: Dieses Fremdfühlen in einer schwarzen Masse von Menschen, die es nicht interessiert, wenn man von schwarzer Melancholie, Leben oder Tod schreibt, singt oder redet, geschweige denn, dass sie es auch nur im Ansatz nachvollziehen könnten. Um zu einem positiven Abschluss zu kommen: Es gibt zwischenzeitlich ja tatsächlich viele Veranstaltungen, wo man sich schlagartig gut aufgehoben fühlt. Wo noch Blicke reichen und man versteht einander. Wo man ungehemmten Spaß haben kann oder auch stille Stunden genießen. Und das finde ich bemerkenswert und immer wieder schön.“

Frau B aus G schreibt dazu:
„Katrin, Du bringst es mit diesem wundervollen, persönlichen Beitrag auf den Punkt, vor allem mit der Einleitung! Ich bin leider nicht so gut im „Gefühle-Beschreiben“, daher einfach nur mal ein Danke !!! an Dich. 🙂 (Ich hab auch noch einige gemalte Bilder … 😉 , mit Songtexten kann ich leider nicht dienen. ) Auch Death Disco und Kara Ben Nemsi, bei vielen Eurer Beiträgen erwische ich mich auch oft beim stillen „Nicken“. 🙂 Der Mensch ist ein Individuum und jeder hat seinen eigenen Grund, wieso und weshalb er das schwarze Outfit — mehr oder weniger extrem — gewählt hatte, da können diejenigen, die die Zeit damals nicht miterleben durften gegen die Leute, die sie erlebten durften, fachsimpeln wie sie möchten, sie werden zu keiner Lösung kommen. Denn die gibt es einfach nicht pauschal. Ihr macht mich auch langsam echt kirre hier. Für die meisten ist mit Sicherheit Musik das Wichtigste, diese ist z. B. auch bei meinem „In-der-Versenkung-Verschwinden“ immer dageblieben.
Andere wiederum lesen sich durch Bücherregale und/oder schreiben selber.
Die nächsten lieben Horror-/Grusel-/Vampirfilme.
Oder manche sind extrem kulturell interessiert.
Weitere lieben alles Alte, Mystische, Gothische, Friedliche… und fühlen sich einfach wohl in der entsprechenden Umgebung.
Andere setzen sich den halben Tag lang mit Tod und Verderben auseinander und/oder sind depressiv …..
…. und ja, 1 % der „Schwarzen“ sind vielleicht auch Satanisten! Und jeder meint irgendwie, daß nur SEIN ausschlaggebender Punkt fürs „Grufti-Sein“, die Berechtigung sei, die Grufti-Weisheit (von der Entstehung aus dem Punk und/oder Wave heraus… bis heute) mit Löffeln gefuttert zu haben. Ihr werdet hier niemals zu einer Lösung kommen. Erfreut Euch an den schönen Erlebnissen die Ihr hattet (wenn Ihr sie hattet) und behaltet diese gut in Erinnerung! Und dann kann doch jeder für sich selbst entscheiden, ob er dieses Gefühl, was er bei oben genannten Themen empfindet, auch „optisch“ nach außen tragen möchte. Sei es in dezentem Schwarz mit Jeans und Pulli oder in Extrem-Outfit, weil man das einfach GEIL fand oder findet, denn letztendlich IST es eine „Modeerscheinung“ so herum zu laufen!!!! Niemand z. B. zwang mich damals dazu, daß ich mich 4 – 5 Stunden vorm Weggehen vor den Spiegel stellte und mich zurecht machte, wie es mir gefiel. Robert Smith verlangte das sicher nicht von mir, nur weil ich seine Musik hörte. „Schaulaufen“ im Gruftibereich gabs damals genau so wie heute. Und es machte – mir zumindest — einen Riesenspaß! Es war damals nur schwieriger, an entsprechendes Outfit zu kommen. Man konnte nicht „mal eben“ im Gruftishop nebenan oder im Internet (das gabs da noch nicht) sein Outfit kaufen. Man bastelte über mehrere Tage oder Wochen selbst. In welcher Form auch immer. Aber mit ganz viel Leidenschaft und Kreativität. Die Stunden, die ich alleine an der Nähmaschine für meine Kutten, Kleider und Mäntel verbracht habe, habe ich nie gezählt. Ich hatte nicht mal Schnittmuster, alles habe ich aus dem Kopf genäht und gebaut. Auch an „optische“ Vorbilder kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich sah damals „Ratte“ in der Bravo… und dann nahm mein damaliges schwarzes Leben — optisch gesehen — seinen Lauf… und wurde über die Jahre immer extremer. In meinem „Endstadium“, denke das war ca. Ende 1992, war man teilweise selbst „Vorbild“ für die Junggrufties bzw. „Fraggles“, wie sie liebevoll *grins* genannt wurden. Und uns „Alten“ wurden Geschichten angedichtet, sei es über Grabschändungen, Katzenmorde, Sargschlafen oder weiß der Geier, die Presse tat ja immer gern ihr übriges dazu … niemals jedoch hat damals auch nur ein einziger Junggrufti gefragt, WARUM ich so herum lief. Diese Blöße wollte man sich als Nachwuchs dann auch nicht geben. 😉 Ok, klar, wir hatten einen Sarg, zum Schlafen war er aber zu unbequem… aber die unzähligen Grableuchten in der Wohnung sorgten stets für eine schöne Stimmung. Die Grabsteine waren auf legalem Weg in die Wohnung gekommen. Ich kann die vielen Leute, die über das WGT schimpfen, daß es „nur ein Schaulaufen sei“, nur bedingt verstehen. WENN man sich denn mal richtig aufbrezeln möchte, wenn nicht dort, wo denn bitte dann??? In der Woche war es sicherlich damals wie heute mit dem extremeren Outfit etwas schwierig, weil man mit Geld zur Arbeit gezwungen wurde oder wird, und dort kann man sich oft nicht so zeigen, wie man gerne würde. So ging und geht es zumindest mir. (Ja, Gruftis waren und sind echt ganz normale Menschen!!!! Gehen Arbeiten (in der Regel) und leben wie jeder andere normale Mensch auch, haben ggfs. nur andere Vorlieben und Hobbys.) Und selbst wenn ein „optischer Extremgrufti“ auf dem WGT zu sehen ist, wer nimmt sich das Recht heraus, über diese Person – unbekannterweise und alleine vom Outfit her – zu urteilen? Woher will man wissen, daß dieser nicht DER bestbelesenste und gelehrteste und obergruftigste Obergrufti höchstpersönlich ist, nur weil er endlich mal wieder, optisch gesehen, die Sau rauslässt und als Gesamtkunstwerk durch die Gegend stiefelt? Die Leute, die Samstags abends in der Disco im schwarzen 08/15-Aderlass-Outfit auf der Tanzfläche abzappeln, muß man halt einfach kommentarlos hinnehmen. Man muß sie ja nicht zwanghaft kennenlernen oder sie in ihren Freundeskreis aufnehmen. Sie halten die wenigen Diskotheken und Veranstaltungen am (finanziellen) Überleben, weil sich kaum noch ein Grufti heraustraut. So empfinde ich das jedenfalls, seit Mai war ich JEDES (!) Wochenende unterwegs. Gruftis suche ich fast vergebens… von 100 Leuten sinds vielleicht 5. Ich bin gespannt, wohin mich meine Reise nun wieder führen wird. Ich fühle mich aktuell so wohl wie in den letzten 20 Jahren nicht, und jeder, der mich etwas näher kennt, kann das bestätigen. An dieser Stelle mal ein dringender Veranstaltungs-TIP, in den ich viel Hoffnung setze: Im TIC in Mülheim gibt es am 25.04.2014 ein ganz besonderes Event mit Klaus Märkert. Schaut bitte auf die TIC-Homepage! Vielleicht traut „Ihr Altgrufties“ Euch dann auch mal wieder unter das schwarze Volk. Da es ein Freitag ist, ist die Chance groß, daß das übliche Partyvolk eher nicht kommt. 😉 PS: Sorry für den Roman, Katrin war Schuld!“

Wenn ich Kommentare wie diese lese, weiß ich, dass Gothic nicht tot ist. Zumindest nicht die Form von Gothic, wie ich sie mir vorstelle.