Lament

Wave-Gotik-Treffen 2016 – Vom Regen in die Traufe

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Also ich muss schon sagen, dieses Jahr machte das WGT wirklich seinem Namen alle Ehre.
Nicht nur, dass es am Freitag, den 13. Mai losging, hauptsächlich des Wetters wegen.
Wenige Tage zuvor musste die Gruftischar entsetzt feststellen, dass das diesjährige Wave-Gotik-Treffen von den „Unheiligen“ heimgesucht würde. Verzeihung, „Eisheilige“. Es war dementsprechend kühl, regnerisch und windig, gerade dies ist für den Oldschool-Grufti eher tödlich. Ein toupierter Kopf scheut all dies wie Dracula das Sonnenlicht.

Doch all diese Unannehmlichkeiten sind höchstens Probleme, aber keine Hindernisse.
Und so machte sich unser Trio auf gen Leipzig, die Gothmum und ihr Töchti von Köln und meine Wenigkeit von Karlsruhe aus.

Bereits die Hinfahrt war interessant: Man stelle sich vor, eine einzige kleine schwarze Gestalt, mit einem schweren Koffer und diversen Regenschirmen – sowohl mit als auch ohne Spitzenstoff und Rüschen geschmückt – schleppt sich keuchend zur näherkommenden Straßenbahn und wird unmittelbar im Eingangsbereich von einem Punk angesprochen. Wo es denn hinginge und so. Ein freundliches Gespräch entwickelt sich. „Ja, ich war auch früher immer zum WGT in Leipzig, bis 2001, als dieses Chaos-Festival war. Ich war früher auch mal so ein Kaputter wie du.“
Kurz bevor wir den Hauptbahnhof erreichen, öffnet er seinen wuchtigen Rucksack und olt eine Schallplatte heraus. Er drückt sie mir in die Hand und sagt knapp: „Die schenke ich dir, du bist nett.“ Schwuppdiwupp ist er weg.
Verblüfft stehe ich da, mit einem Album der Virgin Prunes in der Hand. Erstaunlich, in einer Stadt wie Karlsruhe, in der man Menschen mit gutem Musikgeschmack an einer Hand abzählen kann, schenkt mir jemand einfach so eine Platte, die sicher sehr rar ist, und und macht sich dann ohne ein weiteres Wort vom Acker.

Den ICE in Richtung Frankfurt erreiche ich überpünktlich. Gerade will ich mein Gerümpel auf meinem freien Nebensitz verstauen, erscheint vor mir eine unheimliche Fratze: „Hab‘ ich dich, Grufti!“ Einen Moment lang bleibt mein Herz stehen, dann wird mir klar, dass das Gesicht zu Stephan gehört. Er und Franzi haben offensichtlich den selben Zug gebucht wie ich. Wunderbar, dann habe ich immerhin Gesellschaft. Und Ruckzuck geht auch tatsächlich die Zeit herum.

Um 9.24 Uhr stehen wir im Leipziger Hauptbahnhof, auf die Minute genau.
Die beiden haben noch einige Stunden Zeit, bevor sie in ihrem Hotel einchecken können, das zentral zwischen Felsenkeller und Täuchental liegt, welche man bequem innerhalb weniger Minuten zu Fuß erreichen kann.
Mein Ziel liegt allerdings außerhalb der Stadt Leipzig, nämlich in Belgershain, wo wir bei Freunden der Gothmum über das WGT verweilen dürfen. Ein wunderschönes über 250 Jahre altes Pfarrhaus mit Kreuzgewölbe und steinernem Boden im Erdgeschoss. Man fühlt sich gleich um Jahrhunderte zurückversetzt. Mit diesem ganzen „Victorian Picknick“-Gedöns kann ich persönlich nicht viel anfangen, aber wenn es um Architektur und Kunst geht, schlägt mein Herz definitiv weit vor 1900-Nochwas.

In Belgershain erwarten mich schon meine Gruftine und ihre Gothmum an der Bahnhaltestelle. Die Gegend ist ruhig und ländlich, man hört kaum einen Laut als die Vögel und das Rascheln der Bäume im Wind. Bedrohliche Wolkentürme bäumen sich auf, der Himmel verfinstert sich, als wir wie drei Boten der Apokalypse zum alten Pfarrhaus marschieren, meine Gruftine in ihrem berüchtigten Stechschritt voraus und die Gothmum und ich keuchend hinterher trabend.
Viel Zeit haben wir nicht, erst heißt es, die Hausherren zu begrüßen, eine Tasse Kaffee herunterzuspülen, um schon bald wieder in die Stadt zu fahren, obwohl das WGT offiziell erst am folgenden Tag beginnen wird. Die Schlange für die Bändchenausgabe ist wieder einmal sehr, sehr lang. Allerdings kommen uns Ronny Rabe und Jens entgegengelaufen und so verkürzt sich die Warterei etwas. Man fühlt sich schon ein wenig wie eine Zoo-Attraktion, weil ständig irgendwelche Menschen mit Kameras um einen herumschleichen und fotografieren wollen, als sei man irgendeine exotische Tierart mit komischen Federn auf dem Kopf.
Wir hören einen interessanten Vortrag im ägyptologischen Institut und besuchen das anliegende Museum.
Eigentlich hatten wir ursprünlch vor, zur Eröffnungsfeier des WGT im Abenteuerpark „Belantis“ zu gehen, weil wir dort im Tal der Könige Achterbahn fahren und nach Dinosaurier-Skeletten graben könnten – nicht zu vergessen die schwarze Zuckerwatte, passend in den situativen Kontext – aber wir sind müde und fahren bereits zeitig nach Belgershain zurück, mit ein paar neuen Schuhen für die Gruftine und vielen Süßigkeiten für die Allgemeinheit.

Der Freitag beginnt früh. Während die meisten bspw. nach der Gothic Pogo Party wohl erst ins Bett fallen, stehen wir bereits gegen 9.00 Uhr auf der Matte.
Ein Photoshooting für das Pfingstgeflüster steht um 12.15 Uhr am Johannisfriedhof an.
Danach schauen wir uns die Ausstellung „Gesichter des Wave-Gotik-Treffens“ im angrenzenden Grassimuseum an. Die meisten abgebildeten Personen dort kenne ich sogar. Ich freue mich, Stephan und Franzi zu entdecken. Bilder der beiden hängen auch in den Bahnhofspromenaden und im Stadtgeschichtlichen Museum. Die Schwarzkittel sind allgegenwärtig. Geschäfte und Gaststätten sind schwarz. Das einzige, was oft gar nicht so sehr schwarz ist, sind einige der offensichtlich verkleideten WGT-Besucher. Mit der Szene an sich hat diese Veranstaltung nur noch wenig gemein. Aber schön, immerhin wird man mal vier Tage freundlich behandelt.
In der Agra suchen wir verzweifelt nach Fledermaus-Schmuck. Das ist heutzutage gar nicht mal so einfach, aber wir werden zum Glück irgendwann doch fündig und stopfen uns mit frisch gebackenem Handbrot voll, um auf das Konzert von Peter Murphy zu warten, das irgendwann in tiefster Nacht stattfinden wird.

Samstag ist für mich ein wichtiger Tag: Ich werde bei Wonderland 13 Kunden vor Ort zeichnen. Gotikieren. Ich liebe das. Gegen 17 Uhr muss ich allerdings die Location wechseln, da Agonoize eine Autogrammstunde haben. Aber das ist kein Problem: Zeichnen kann ich immer und überall und darum ziehe ich mit meinen Kunden einfach schräg gegenüber vor die Bäckerei Lukas. Dort entstehen noch einige Gotikaturen, die ich die Tage darauf bearbeiten und veröffentlichen werde.
Abends sind wir noch ein Weilchen auf der „A Night With The Cure“-Party.

Sonntag wollen wir eigentlich Lord Of The Lost sehen, doch das teuflische Regenwetter macht uns einen Strich durch die Rechnung und wir sind gezwungen, in der Agra-Markthalle herumzustromern. Dafür schauen wir zu später Stunde P.I.L., da die Gothmum gerne Johnny Rotten, den Sänger der legendären „Sex Pistols“ sehen möchte.
Sieben Euro für ein winziges Becherchen Wodka Energy finde ich etwas heftig, möglicherweise kaufen wir nächstes Jahr eine Obsorge-Karte, die es einem erlaubt, eigene Getränke mit aufs Gelände zu nehmen. Oder wir gehen einfach nur nach Leipzig auf schwarze Parallelveranstaltungen, für die man kein Bändchen braucht, mal sehen.

Montags sind wir einige Minuten beim Spontis Family Treffen im Park hinter der Moritzbastei und trödeln danach ein wenig in der Stadt herum, um leckere Pasta und Berge von Eiscreme zu essen. Gegen Abend sehen wir im Alten Landratsamt „Lament“, eine wavige Post-Punk-Band aus dem Leipziger Raum. Musikalisch ist sie mein persönliches Highlight. Der Sänger, der die Gothmum an einen Ägyptologen mit einer Prise Robert Smith erinnert, macht einen etwas verpeilten, aber sympathischen Eindruck und macht gute Arbeit, trotz seines offensichtlich kratzigen Halses. Wir verlassen die Location, um „Balzac“ im Täubchental zu sehen. Japanischer Horrorpunk, hören sich gut an, lediglich die Luftfeuchtigkeit in beiden Locations ist eher bedrückend. In der Hoffnung, „Pink Turns Blue“ sehen zu können, brechen wir zeitig zurück zum Landratsamt auf, um auf eine gewaltige Schlange vor dem Gebäude zu stoßen, die sicher einige hundert Meter die Straße hinab Richtung Hauptbahnhof führt. Ein Hineinkommen ist unmöglich.
Das ist natürlich schade, aber da wir komplett k.o. sind, finden wir uns damit ab.

Und schon ist das WGT wieder vorbei und unser Abreisetag ist gekommen. Die Gothmum wird noch eineinhalb Wochen in Leipzig bleiben, da sie einige Seminare an der Universität hat, meine Gruftine fliegt zurück nach Köln und ich mache mich auf den Weg nach Karlsruhe mit ein paar gemischten Gefühlen. Wir haben viele liebe Menschen getroffen und es war an sich eine schöne Zeit, aber irgendwie hat das WGT dieses Jahr nicht wirklich „Klick“ bei mir gemacht.

Nun ja, 2017 ist auch noch ein Jahr.

 

 

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